Human Machine (2017)

Eines der Merkmale der Musik des ausgehenden 20. Jahrhunderts war die allmähliche Mechanisierung der Musik, die in immer deutlicherer Weise die Verdrängung menschlicher Komponenten wie Emotionen oder interpretatorische Schwankungen von Tempo und Dynamik in den Aufführungen zeigte.

Dies betrifft auch die Interpreten, die angehalten waren, ihre Expressivität in eine präzisere und einheitlichere (auch flachere) Ausführung zu transformieren. Ein gutes Beispiel für diese Art von Musik sind die Studien für Player Piano von Conlon Nancarrow, bei denen der menschliche Interpret durch ein mechanisches Klavier ersetzt wird, das von Lochstreifen angetrieben wird, oder bestimmte Klavierstudien von Ligeti, die für Pianisten aus Fleisch und Blut, aber mit einer ausgeprägten mechanischen Komponente konzipiert wurden, Werke, die oft, angesichts der Undurchführbarkeit der Aufführungen Player Pianos oder Disklavieren gespielt werden.

Das Projekt „Human Machine“ möchte die Musik wieder in die expressive Dimension des Menschen zurückbringen, in der „Unschärfe“ der menschlichen Leistung keinen Aspekt der Ungenauigkeit, sondern der Eleganz finden, denn Schönheit besteht aus Asymmetrien, kleinen Nuancen, die uns die Dinge vertraut machen.
Unter Berücksichtigung dieser Ideen haben wir uns entschieden, den umgekehrten Vorgang zum „Mechanisieren“ durchzuführen, d.h. zum „Humanisieren“ dessen, was von Natur aus als mechanisch geboren ist. Die zentrale Figur des Projekts ist das Disklavier, ein mechanisches Klavier, das von einem Midi-Controller gesteuert wird.
Wir haben eine Software entwickelt, mit der das Disklavier als Teil des menschlichen Ensembles fungieren kann.
Eine Maschine wird so zu einem echten Bestandteil des Ensembles, und auf diese Weise ist es für uns einfacher, mit ihr vertraut zu werden, sie zu verstehen und zu lieben, weil sie uns am nächsten ist.
In dem Konzertprogramm, das wir hier vorstellen, finden sich drei besondere Situationen:

– das Disklavier als Maschine, nicht beeinflusst durch menschliche Parameter, die alleine arbeitet.
(wie in der Klavieretude Nr. 14a von György Ligeti)

– das Disklavier „humanisiert“, als Mitglied des Ensembles, (wie in dem Stück von Sepúlveda Rios)

– das Disklavier „humanisiert“, als Mitglied des Ensembles, so vorbereitet, dass Obertöne mit spezifischen akustischen Phänomenen erzeugt werden (wie in dem Stück von Elia).

Die Wahl, das Disklavier in einem Ensemble zu verwenden, ist auf die Besonderheit des Instruments zurückzuführen: Spiel mit einer Geschwindigkeit, die für den menschlichen Interpreten unmöglich ist, und eine Gleichzeitigkeit der Klänge, die selbst durch den Einsatz von mehr Interpreten auf demselben Instrument oder mehr Klavieren nicht denkbar ist.

Das Projekt auf Tournee

Das Projekt wurde während des Schweizer Festival für zeitgenössische Musik „Oggi Musica“ in Lugano am 16. Februar 2017 im neuen Auditorium LAC uraufgeführt.
Die folgenden Aufführungen fanden im Budapest Musik Center (BMC) im Rahmen des CAFe Budapest (Contemporary Art Festival Budapest) am 19. Oktober 2017 und in der Vienna Concert Hall Yamaha am 20. Oktober 2017 statt. Aufgrund des überraschenden Todes von Klaus Huber am 2. Oktober 2017 haben wir die Konzerte in Budapest und Wien seinem Andenken gewidmet.
Die Sponsoren der Tour waren: Lugano Musica, Oggimusica, Yamaha, Pro Helvetia, CAFe Budapest, BMC.

Das Konzertprogramm

1. Mateo Sepúlveda Ríos: Le bruit des feuilles (2017) für Ensemble und Disklavier (UA)
2. György Ligeti: Piano Etude Nr. 14a (1993) für Disklavier
3. Conlon Nancarrow: Piano Study Nr. 21 (1961) für Disklavier*.
4. Klaus Huber: Sechs Miniaturen für Klarinette, Violine und Cello (1963)
5. Denis Schuler: L’autre rivage (2017) für Disklavier (UA der Version für Disklavier)
6. Bernd Thewes: Fibonacci-Gaillarde mit Paganini (2017) für Violine und Disklavier (UA)
6. Sándor Veress: Sonate für Oboe, Klarinette und Fagott (1931)
7. Alfredo De Vecchis: Prelude, Aria, Kanon (2015) für Disklavier (UA)
8. Alessio Elia: Traces from Nowhere (2017) für Ensemble und Disklavier (UA)

*Midi-Ausarbeitung Steffen Fahl